Für das Dagegensein

Irgendwann stellt sich jeder politisch interessierter Mensch, der nicht an den Schalthebeln der Macht sitzt, die Frage, warum er eigentlich viel häufiger für als gegen etwas ist. Gegen Atomkraft, gegen die Macht der Banken, gegen die Beschneidung von Bürgerrechten, gegen Chemie auf dem Teller, gegen Diktaturen, gegen Gentechnik, gegen den Klimawandel, gegen Korruption, gegen Krieg, gegen Rassismus, gegen Stuttgart 21. Gegen das, was die Mächtigen tun.

Und eigentlich lebt es sich in dieser Dagegen-Welt gar nicht so schlecht. Erfordert doch ein Dafürsein in der Regel eine viel tiefere Auseinandersetzung mit der Thematik und etliche Kompromisse bei der Umsetzung.

Natürlich lässt sich jeder der aufgeführten Begriffe auch in sein Gegenteil verkehren. Immer wieder geht dabei aber seine Eindeutigkeit verloren und er wird zu einem Gemischtwarenladen: Für Erneuerbare Energien (oder für fehlertolerante Technologien), für ein eine ökologische Landwirtschaft (oder für strenge Lebensmittelkontrollen), für Freiheit (oder für Demokratie), für den Kopfbahnhof (oder für den Schutz der Mineralquellen)… In der Regel existieren mehrere Wege zum Erreichen eines (negativ formulierten) Ziels und jeder Weg findet Unterstützung – bloß signifikant weniger als das Ziel selbst.

Werfen wir einen Blick auf die Erneuerbaren Energien. Hier gibt es die Teilfragen der nachwachsenden Rohstoffe, der Windenergie, der Wasserkraft, der Geothermie, der Solarthermie und der Fotovoltaik. Kombiniert mit Fragen von Transport, Speicherung und Landnutzung. Wie soll nun wo auf der Welt, in Europa, in Deutschland oder in einer Region der Strommix aussehen? Wollen wir mehr Offshore-Windkraft oder mehr Onshore? Geht es parallel darum, die Energiegewinnung in BürgerInnenhand zu haben oder sollen die großen Konzerne mit einsteigen, um der Energiewende mehr Schwung zu verpassen? Ist es besser, wenn Subventionen an Großkonzerne fließen oder an Wohlhabende? Soll der Strom auch möglichst regional verbraucht werden? Wie wird er dann gespeichert? Wenn nicht, wie kommt er in andere Regionen? Teuere Erdkabel oder günstigere Hochspannungsleitungen? Neue Trassen entlang von Bahnlinien oder alte Trassen ausbauen? Jede einzelne Frage birgt immenses Konfliktpotential.

Ähnlich verhält es sich mit dem umstrittenen Bahnprojekt. Hinter dem Protest versammelten sich Tunnelhasser, Pendlerinnen, Städteplaner, Einzelhändlerinnen, Baumliebhaber, Mineralwasserschützerinnen, Basisdemokraten… Dieser Vielfalt kann nur schwer eine gemeinsame Vision übergestülpt werden. So bedeutet z.B. eine lebenswerte Stadt für jede einzelne Gruppierung, jede einzelne Person etwas anderes: Die eine will Urbanität, der andere viel Grün, die eine günstigen Wohnraum, der andere viele Shoppingmalls, die eine will mitentscheiden, der andere seine Ruhe.

Es gilt also viele Kompromisse einzugehen, um positive Konzepte zu erarbeiten. Ist es nun aber notwendig, dass die, die weder die Entscheidungen direkt treffen noch über Lobbyismus direkt auf sie einwirken können – ja in der Regel noch nicht einmal mitdiskutieren können, sich mit all diesen Fragestellungen auseinandersetzen? Müssen sie ein komplett durchdachtes Konzept vorliegen haben? Ich meine, dass sie dies noch nicht einmal können.

Solche Konzepte sind organisatorisch, fachlich und finanziell sehr aufwändig. BürgerInnenbewegungen können dies ohne staatliche Unterstützung nicht leisten. Auch müsste ihr Thema möglichst breit gefasst werden, um es erst einmal zu ermöglichen, dass sich Menschen mit konträren Einstellungen in der Bewegung versammeln. Hier kommen wir in einen Bereich, der um das Jahr 2000 durch die sogenannten Lokalen Agendas besetzt war und durch sein Thema des gemeinsamen Nachdenkens über Themen, die die Gemeinschaft betreffen eine originär staatliche Aufgabe ist.

Ich bin sogar der Meinung, dass es falsch wäre, den Staat von diesen Aufgaben zu entbinden. Deshalb: Lasst uns in den Bewegungen ruhig weiter polarisieren! Lasst uns weiter das anprangern, was uns stört!

Dagegensein ist nicht böse. Dagegensein ist ein notwendiges Übel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.