Dekarbonisierung und der Bestand an Kraftfahrzeugen

Heute berichten die Medien über den G7-Gipfel in Elmau und deren Vorhaben der Dekarbonisierung. Ohne das Abschlusskommunikee gelesen zu haben, habe ich mich gefragt, ob bei der Anzahl der Kraftfahrzeuge/PKW in Deutschland eigentlich nicht langsam eine Sättigungsgrenze erreicht sei – allein schon angesichts der immer knapper werdenden Stellflächen.

Doch weit gefehlt. Ein schnelles Diagramm aus Zahlen von Wikipedia (die wiederum vom Kraftfahrtbundesamt stammen) zeigt, dass die erste Ableitung des Bestands, also sie jährliche Zunahme, weitestgehend linear verläuft.

Ich hoffe sehr, dass die Dekarbonisierung die komplette Gesellschaft betrifft und nicht bei Förderprogrammen für die Automobilindustrie stecken bleiben. Diese wären Gift für unser Klima, da bei der Produktion neuer Kraftfahrzeuge erhebliche Mengen an CO2 freigesetzt werden.

Kraftfahrzeuge in Deutschland 1955-2015

Wegen Äpfeln und Birnen: Der Anteil alternativer Antriebe ist vernachlässigter gering; der Anteil von Elektrofahrzeugen an CO2-Äquivalenten dürfte aufgrund eines CO2-lastigen Strommixes und ressourcenintensiver Batterietechnik irgendwo im Bereich der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor liegen.

Fairphone mit Android ohne Google-Account & Owncloud unter Plesk – #wearefairphone

Mein altes Android synchronisiert sich ja schon eine Weile mit meiner Owncloud. Da dachte ich, es sei wirklich einfach, mit dem Fairphone auch den Schritt zu machen.

Doch ohne Google-Account ist die Welt noch einmal komplizierter. F-Droid ist eine Alternative zu Google Play, die ohne Account zu nutzen ist und FOSS-Apps (Free and Open Source Software) bereitstellt. Dort zu finden ist die App DAVdroid, die prinzipiell noch mehr leistet als die von mir auf dem alten Telefon genutzten CalDAV-Sync und CardDav-Sync. DAVdroid verspricht nämlich die Übertragung von Änderungen aus dem Adressbuch zurück an den Server, was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

DAVdroid hat aber höhere Sicherheitseinstellungen, die mir als DAU die letzten Stunden ganz schöne Kopfschmerzen bereitet haben. Einerseits erfordert die Syncapp, dass man den öffentlichen Teil des selbstsignierten Zertifikates manuell auf dem Handy ablegt – CalDAV- und CardDAV-Sync ist es völlig egal, was für ein Zertifikat verwendet wird, Hauptsache SSL (wunderbar für Man-in-the-Middle-Attacken). Um mir das Leben nicht unnötig schwer zu machen, läuft auf meinem Server Plesk, mit dem ich mich normalerweise auch um Zertifikate kümmere. Doch die selbstsignierten Zertifikatsdateien von Plesk wollte Android nicht akzeptieren. Zwar fand das OS über „Systemeinstellungen“ => „Sicherheit“ => „Anmeldedatenspeicher“ => „Von SD-Karte installieren“ die Zertifikate, die ich mir gemailt hatte, diese erschienen aber nachher nicht unter „Vertrauens. Anmeldedaten“ => „Nutzer“. Hierfür musste ich dann doch ein Zertifikat selber erstellen.

openssl req -new -x509 -days 3650 -nodes -out nginx.pem -keyout nginx.key
openssl x509 -inform PEM -outform DM -in nginx.pem -out nginxcert.crt

Der Schlüssel hat leider nur eine Länge von 1024 Bit, was ich später noch ändern werde.

Alle drei entstandenen Dateien nginx.key, nginx.pem und nginxcert.crt habe ich heruntergeladen, nginxcert.crt mir auf’s Handy gemailt und dort wie oben beschrieben eingelesen und die anderen beiden über Plesk in der Domain meiner Owncloud angelegt. Hier ist unbedingt zu beachten, das angelegte Zertifikat auch nachher unter Hosting-Einstellungen auszuwählen.

Anschließend konnte ich über DAVdroid zwei Accounts anlegen – allerdings mit SSL/https und nicht wie in Anleitungen zu lesen mit http. Http als Protokoll führte bei mir immer zu einer „302 moved permanently“-Fehlermeldung…

Meine wichtigsten zwei anderen Apps, K9-Mail und ownCloud News Reader, und natürlich auch Firefox gab’s auch über F-Droid. Kostete der Feedreader noch etwas über Google Play so ist er über F-Droid für lau zu haben – genauso wie DAVdroid. Öffi gibt’s direkt beim Produzenten.

Auf meinem Fairphone laufen jetzt also alle Apps, die ich täglich benötige ohne, dass ich einen Google-Account einrichten musste. Schöner wär’s natürlich, auch auf Android zu verzichten, dafür werde ich aber doch noch auf Anleitungen warten.

Selbstversuche mit Metadaten

Bildschirmfoto 2013-07-19 um 00.54.41Um in meinem Adressbuch irgendwie durchzublicken, habe ich – wie wahrscheinlich viele von Euch – irgendwann angefangen, meine Kontakte zu verschlagworten.

Doch auch trotz intelligenter Gruppen und anderer Finessen fällt es mir immer schwerer, den Durchblick zu behalten. Irgendwann kam ich dann auf die Idee, die Daten mal grafisch aufzubereiten – was mir insbesondere in der momentanen Debatte um die Totalüberwachung unserer Internetdaten durch mehrere Geheimdienste interessant erschien. Ich gehe davon aus, dass wir größtenteils gar nicht ahnen können, was unsere Daten alles über uns verraten können.

Bei den visualisierten Daten handelt es sich einerseits um die Auswertung der Notizen in meinem Adressbuch und andererseits um eine Analyse von 24.500 E-Mails (aus einem monothematischen Verzeichnis), die darauf beschränkt ist, zu betrachten, wer mit wem wie eng in Kontakt stand. Bitte Links nur mit aktuellen Browsern besuchen, da es sich um rechenintensive Grafiken handelt. Ich empfehle – so leid es mir tut – Chromium oder Chrome, da Safari und Firefox zumindest auf dem Mac einfach zu langsam sind.

Erschreckend fand ich die Komplexitätsreduktion bei den E-Mails, die ich mir in dieser Form nicht vorgestellt hatte. Die 25k E-Mails aus meinem E-Mail-Client zu exportieren dauerte 60 Minuten und führten zu 58 MB Textdaten (ohne Anhänge). Destilliert kommen 702 Kontakte mit 2.103 Verbindungen heraus, was einer 126 KB kleinen Datenmenge entspricht – die aber trotzdem interessante Einblicke gewährt.

Weiterlesen? Spiegel: Wer hat uns verraten? Metadaten!

Goodbye Google?

Ich habe mir neulich das Fairphone bestellt und in dem Zuge mal wieder angefangen, über die Google-Verseuchung meines digitalen Lebens nachzudenken. Feedreader, Suchmaschine, Android-Browser, Adressbuch, Kalender, App-Store, Google Docs – das sieht nicht gut aus.

Doch wozu nenne ich einen dezidierten Server mein eigen? Schwups war OwnCloud installiert. Halt. Nicht schwups. Mein erstes Passwort war so komplex, dass ich mich nachher nicht mehr einloggen konnte. Vor lauter MD5+Salt-Verschlüsselung war ich mit meinem Laienwissen auch nicht in der Lage, es direkt in der Datenbank neu zu setzen. Am Ende hatte ich OwnCloud viermal installiert…

Das Versprechen

Auf den ersten Blick bietet es eine Menge von Diensten, die ich brauche (oder zu brauchen meine): Kalender mit Sharefunktion (und Synchronisierung meiner ToDo-Liste, was mit Google bisher nicht klappen wollte), Adressbuch und Feedreader als extra App. Außerdem eine Verzeichnissynchronisation.

Der Alltag

Mein Mac synchronisiert sich wunderbar mit meinem neuen Kalender und meinem neuen Adressbuch. Vom Android-Telefon sieht es nicht ganz so rosig aus: Während ich beim Kalender bisher keine Probleme feststellen konnte, funktioniert die Adresssynchronisation nur vom Server zum Telefon – auf dem Telefon neu erstellte Kontakte enthalten nichts anderes als den Namen und zumindest auf diesem Endgerät auch keine weiteren Felder. Gleichzeitig enthält Android nativ keinerlei Funktionalität zur Synchronisierung mittels CalDAV und CardDAV, den beiden Diensten, über die Kalender und ToDo-Listen bzw. Adressen synchronisiert werden. Für alle drei ist es notwendig, extra Apps auf dem Telefon zu installieren. Ich nutze momentan CardDAV-Sync free fürs Adressbuch, CalDAV-Sync für 2,59 € für den Kalender und ownCloud News Reader für 1,49 € für meine Feeds.

Ähnlich schwerfällig wie die Adresssynchronisierung kommt der Feedreader daher, der im Gegensatz zu den anderen Apps eine Anwendung ist, die im Vordergrund läuft. Wann der Reader auf die Idee kommt, seine Daten mit meinem Server abzugleichen, ist mir total schleierhaft. Vermutlich muss ich erst die OwnCloud-App über den Browser ansprechen, um den dortigen Speicher mit Artikeln zu füllen. Anschließend kann die Android-App wohl überhaupt erst synchronisieren – müssen tut sie das aber auch dann noch lange nicht.

Vorläufiges Fazit

Owncloud hat Potential, ist durch den Mangel beim Synchronisieren jedoch noch lange nicht alltagstauglich. Ohne eine saubere Synchronisierung aber wird sich Owncloud noch nicht einmal im kleinen Kreis von Technikbegeisterten durchsetzen. Bis Herbst, wenn das Fairphone im Handel ist, ist aber ja auch noch ein wenig Zeit.

Nicht wirklich, oder?

Viele mögen von Gisela Erler, der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg, nicht sonderlich überzeugt sein. Insider sprechen von einer stümperhaften Arbeit, die fachlich nicht auf der Höhe der Zeit ist, sich hauptsächlich aus Handbüchern speist und wenig neue Impulse setzt.

Doch jenseits aller fachlichen Kritik, die sicherlich angebracht ist, lässt wirft das, was Frau Erler jetzt auf Facebook verkündete, auch erhebliche Zweifel an ihren kommunikativen Fähigkeiten auf.

Das Buergergesicht der Polizei

Angesichts der brutalen Übergriffe der Polizei in der Tuerkei macht der tragische Tod des Stuttgarter Polizeipraesidenten Thomas Zuefle deutlich, wie wertvoll seine Einstellung gegenüber den S21 Gegnern fuer unsere Demokratie war: Respekt und Ruecksicht, gepaart mit Klarheit ueber seinen schwierigen Auftrag. Der friedliche Verlauf der Raeumungsaktionen der Polizei 2012 basierte auf einer de- facto- Verstaendigung mit den enttäuschten und verbitterten S21 Gegnern .Eine grosse historische Leistung.aber kein Zufall -unsere Regierung hat das gestützt und gefördert.

Der Unfall des Stuttgarter Polizeipräsidenten Züfle ist ein tragisches Ereignis – es hat aber absolut nichts mit seiner Arbeit zu tun. Ob man seine Arbeit würdigen muss, steht auf der einen Seite (Verlässlichkeit und Deeskalation gegenüber Demonstrierenden war jedenfalls nicht seine Stärke). Auf einer anderen Seite steht es aber, seine Arbeit mit derer einer anderen Polizei oder eines anderen Polizeipräsidenten zu vergleichen. Sie in einem Atemzug mit den Gewaltexzessen der türkischen Polizei zu nennen, ist untragbar.

Herr Züfle wurde erst nach dem Polizeieinsatz am 30. September 2010 im Stuttgarter Schlossgarten Polizeipräsident und hat somit keinerlei Einfluss auf eine in Ansätzen ähnliche Situation gehabt, wie sie im Istanbuler Gezi-Park herrschte. Ob er den Polizeieinsatz genau so wie sein Amtsvorgänger Stumpf durchgeführt, noch mehr Gewalt eingesetzt oder ihn vielleicht sogar komplett unterbunden hätte, gehört ins Reich der Spekulationen.

Der kleine Hück will von der INSM abgeholt werden

Es war einmal ein Gewerkschafter namens Uwe Hück. Er war nicht irgendein Gewerkschafter, nein er war Betriebsratsvorsitzender bei Porsche. In seiner Funktion hatte er viel Zeit, über die Ungerechtigkeit in der Welt nachzudenken. Geprägt durch seine Vergangenheit als Thaiboxer war ihm natürlich klar, worauf es ankommt: Es kommt darauf an, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, besser zu sein als andere und im richtigen Moment zuzuschlagen.

Anno 2013 kam er auf die glorreiche Idee, wie er die in vielen Fragen störende, immer weiter schwindende und leider immer noch vorhandene Solidarität zwischen Arbeitnehmern den Todesstoß versetzen könnte: Gewerkschaften sollten einfach nur noch für ihre eigenen Rechte kämpfen; nicht auch noch die verlogenen Sozial- und Lohnschmarotzenden unterstützen, die nicht Mitglied bei ihnen werden wollten.

Und so schrie er hinaus: „Scheiß auf die Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter! Scheiß auf die Arbeitslosen! Scheiß auf die, die uns nicht mögen! Ab jetzt kämpft jeder für sich! Auge um Auge, Zahn um Zahn! Nur noch ein Gewerkschafter ist ein Kollege! Nur noch ein Gewerkschafter ist ein Genosse! Und nur noch EIN Gewerkschafter ist Genosse der Bosse! Ich, Uwe Hück! Uwe Hück, der bessere!“

Unter dem weithin vernehmbaren Schlachtruf „Wir brauchen keine Solidarität!“ zogen er und seinesgleichen anschließend vor den Hauptsitz der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft GmbH in Berlin, um ihre neuen Honorarverträge zu unterschreiben.


Hintergrund für diesen frei erfundenen Text ist der Artikel Betriebsräte fordern IG-Metall-Bonus, Stuttgarter Zeitung vom 13.6.2013, in dem Uwe Hück mit der Forderung an den IG-Metall-Vorsitzenden Berthold Huber, höhere Lohnabschlüsse für Gewerkschaftsmitglieder zu erkämpfen.

Disclaimer: Der Autor ist Ver.di-Mitglied und Anhänger möglichst geringer Lohnunterschiede und breit ausgelegter Tarifverträge.

Urheberrecht an Studienarbeiten

Während meiner Zeit an der Uni Stuttgart ist mir das Problem häufiger untergekommen: Professoren (Frauen sind mir bisher in dieser Rolle noch nicht aufgefallen) versuchen Ihre Studierenden davon zu überzeugen, dass das Urheberrecht an Studienarbeiten, Diplomarbeiten oder Dissertationen bei der Universität bzw. dem Unipersonal (Professoren oder Wissenschaftliche MitarbeiterInnen) liegt.

Dabei nutzen das Unipersonal in der Regel ihre Machtposition aus und setzen darauf, dass die Studierenden nicht gegen sie vorgehen werden – egal ob aus Angst vor schlechten Noten oder schlechten beruflichen Chancen nach dem Studium. Z.T. scheint sich das Unipersonal durch dieses Vorgehen auch lästige Konkurrenz aus dem Weg räumen zu wollen.

Jetzt ist mir wieder so ein Fall an der Universität Stuttgart zu Ohren gekommen, der mich dazu bewegt, das Thema hier noch einmal kurz darzulegen (ohne eine juristische Beratung leisten zu können oder zu wollen).

Das Urheberrecht liegt immer beim Urheber oder der Urheberin. Die Verwertungsrechte für die erbrachte Leistung – in diesem Fall der studentischen Arbeit – liegen nur dann nicht beim Urheber oder der Urheberin, wenn für die Leistung Geld geflossen ist. Die Ludwig-Maximilian-Universität in München hat dies gut dargelegt.

Nehmen wir einen Fall aus einem Architekturstudium: Hier könnte man im Fall einer intensiven Betreuung der Studienarbeiten daran zweifeln, ob das Urheberrecht allein beim Studenten oder der Studentin liegt. Doch damit stehen die ProfessorInnen und wissenschaftlichen MitarbeiterInnen vor einem Dilemma: Wenn die Universität an der Eigenständigkeit zweifelt, darf sie die Prüfungsleistung nicht akzeptieren. Nimmt sie die Prüfung ab, erkennt sie gleichzeitig die eigenständige Leistung an und verzichtet auf ihr Urheberrecht.

Liebe Studierende, lasst Euch nicht ins Boxhorn jagen und besteht bitte auf Euren Rechten – insbesondere auf dem Urheberrecht an Euren Studienarbeiten!

Für das Dagegensein

Irgendwann stellt sich jeder politisch interessierter Mensch, der nicht an den Schalthebeln der Macht sitzt, die Frage, warum er eigentlich viel häufiger für als gegen etwas ist. Gegen Atomkraft, gegen die Macht der Banken, gegen die Beschneidung von Bürgerrechten, gegen Chemie auf dem Teller, gegen Diktaturen, gegen Gentechnik, gegen den Klimawandel, gegen Korruption, gegen Krieg, gegen Rassismus, gegen Stuttgart 21. Gegen das, was die Mächtigen tun.

Und eigentlich lebt es sich in dieser Dagegen-Welt gar nicht so schlecht. Erfordert doch ein Dafürsein in der Regel eine viel tiefere Auseinandersetzung mit der Thematik und etliche Kompromisse bei der Umsetzung.

Natürlich lässt sich jeder der aufgeführten Begriffe auch in sein Gegenteil verkehren. Immer wieder geht dabei aber seine Eindeutigkeit verloren und er wird zu einem Gemischtwarenladen: Für Erneuerbare Energien (oder für fehlertolerante Technologien), für ein eine ökologische Landwirtschaft (oder für strenge Lebensmittelkontrollen), für Freiheit (oder für Demokratie), für den Kopfbahnhof (oder für den Schutz der Mineralquellen)… In der Regel existieren mehrere Wege zum Erreichen eines (negativ formulierten) Ziels und jeder Weg findet Unterstützung – bloß signifikant weniger als das Ziel selbst.

Werfen wir einen Blick auf die Erneuerbaren Energien. Hier gibt es die Teilfragen der nachwachsenden Rohstoffe, der Windenergie, der Wasserkraft, der Geothermie, der Solarthermie und der Fotovoltaik. Kombiniert mit Fragen von Transport, Speicherung und Landnutzung. Wie soll nun wo auf der Welt, in Europa, in Deutschland oder in einer Region der Strommix aussehen? Wollen wir mehr Offshore-Windkraft oder mehr Onshore? Geht es parallel darum, die Energiegewinnung in BürgerInnenhand zu haben oder sollen die großen Konzerne mit einsteigen, um der Energiewende mehr Schwung zu verpassen? Ist es besser, wenn Subventionen an Großkonzerne fließen oder an Wohlhabende? Soll der Strom auch möglichst regional verbraucht werden? Wie wird er dann gespeichert? Wenn nicht, wie kommt er in andere Regionen? Teuere Erdkabel oder günstigere Hochspannungsleitungen? Neue Trassen entlang von Bahnlinien oder alte Trassen ausbauen? Jede einzelne Frage birgt immenses Konfliktpotential.

Ähnlich verhält es sich mit dem umstrittenen Bahnprojekt. Hinter dem Protest versammelten sich Tunnelhasser, Pendlerinnen, Städteplaner, Einzelhändlerinnen, Baumliebhaber, Mineralwasserschützerinnen, Basisdemokraten… Dieser Vielfalt kann nur schwer eine gemeinsame Vision übergestülpt werden. So bedeutet z.B. eine lebenswerte Stadt für jede einzelne Gruppierung, jede einzelne Person etwas anderes: Die eine will Urbanität, der andere viel Grün, die eine günstigen Wohnraum, der andere viele Shoppingmalls, die eine will mitentscheiden, der andere seine Ruhe.

Es gilt also viele Kompromisse einzugehen, um positive Konzepte zu erarbeiten. Ist es nun aber notwendig, dass die, die weder die Entscheidungen direkt treffen noch über Lobbyismus direkt auf sie einwirken können – ja in der Regel noch nicht einmal mitdiskutieren können, sich mit all diesen Fragestellungen auseinandersetzen? Müssen sie ein komplett durchdachtes Konzept vorliegen haben? Ich meine, dass sie dies noch nicht einmal können.

Solche Konzepte sind organisatorisch, fachlich und finanziell sehr aufwändig. BürgerInnenbewegungen können dies ohne staatliche Unterstützung nicht leisten. Auch müsste ihr Thema möglichst breit gefasst werden, um es erst einmal zu ermöglichen, dass sich Menschen mit konträren Einstellungen in der Bewegung versammeln. Hier kommen wir in einen Bereich, der um das Jahr 2000 durch die sogenannten Lokalen Agendas besetzt war und durch sein Thema des gemeinsamen Nachdenkens über Themen, die die Gemeinschaft betreffen eine originär staatliche Aufgabe ist.

Ich bin sogar der Meinung, dass es falsch wäre, den Staat von diesen Aufgaben zu entbinden. Deshalb: Lasst uns in den Bewegungen ruhig weiter polarisieren! Lasst uns weiter das anprangern, was uns stört!

Dagegensein ist nicht böse. Dagegensein ist ein notwendiges Übel.

Kontext21 – Appell an die „neuen“ Zeitungen aus Stuttgart

Gestern Abend saß ich in einer Kneipe und wie so häufig kam das Gespräch zwischendurch auch auf Stuttgart 21. Ein Kölner Kollege berichtete mir, wie schwer es ihm fiele, die Beilage der Berliner taz namens Kontext noch zu lesen. Diese sei ihm viel zu sehr auf das Bahnhofsprojekt ausgerichtet und würde sich argumentativ ewig im Kreis drehen – trotz journalistischer Stärke.

Was der Kölner Kollege nicht wissen konnte, es gibt sogar zwei Zeitungen in Stuttgart, die aus dem Protest kamen und sich hauptsächlich um ihn drehen. Kann das wirklich sein? Zwei Zeitungen? Mittelfristig besteht nur Markt für eine – und auch die wird es nicht leicht haben. Das sollte allen klar sein. Warum gibt es dann zwei? Der geringfügig andere Fokus kann es nicht sein. Auch die Kooperation der einen Zeitung mit der Berliner taz kann nicht wirklich bedeutsam sein. Ist es ein anderer Anspruch an Professionalität? Ihr könnt doch nur voneinander profitieren!

Zu Beginn gab es nur Einundzwanzig. Dann kam es zum Streit und es entstand Einundzwanzig-Bulletin. Dann kam Kontext – immer noch zur Hochphase des Protests. Zu Beginn dieser Entwicklung fand ich es einfach nur kindisch. Nie habe ich das Potential gesehen, dass zwei Zeitungen aus dem Widerstand gegen Stuttgart 21- egal in welcher Erscheinungsform und mit welchem thematischen Fokus – überleben könnten.

Doch schaue ich mir jetzt den Überlebenskampf von Kontext an, kommen mir wirklich die Tränen: Neuer, unabhängiger Journalismus ist wichtig – nicht nur in Stuttgart. Ebenso wichtig ist es, der Bewegung, ob nun im Südwesten oder bundesweit, neue Impulse zu geben. Das muss die Aufgabe EINER Zeitung, EINER Redaktion sein.

Bitte liebe Redaktionen, rauft Euch zusammen! Das Land braucht Euch, Eure Themen und Eure Schreibe! Und zwar vereint und progressiv. Ihr müsst lokal neue Perspektiven neben Stuttgart 21 entwickeln und bundesweit durch Kommentare Akzente setzen. Es läuft einfach zuviel schief in diesem Land, als dass wir auf Euch verzichten könnten! Zeigt auch dem Kölner Kollegen, was für ein Potential in Stuttgart entstanden ist!

Weiterführende Links:
Zeit über Kontext
Einundzwanzig über den neugegründeten Verein Artikel 5

Du bist schuld! – Nein Du!

Was ist da gerade in Stuttgart los? Aus der Ferne scheint es so, als ginge es im Widerstand gegen Stuttgart 21 momentan ausschließlich darum, für verschiedenste Probleme intern Schuldige zu finden. Ob es um Versammlungsorte, Spendeneinnahmen, Öffentlichkeitsarbeit, Blockaden oder die Moderation von Gruppentreffen geht: Überall wird aufeinander herumgehackt. Der eigentliche Gegner rückt dabei immer weiter aus dem Blickfeld.

Mit dem unklar werdenden Gegner einher geht ein Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls der Gruppe – definieren sich Gruppen doch häufig über eine Abgrenzung. In gewisser Weise ist dieser Prozess verständlich, verschwindet doch vor allem der Weg zum gemeinsamen Ziel immer weiter im Nebel. Dies ist direkte Folge weggebrochener Autoritäten: Über lange Zeit war das Aktionsbündnis Kopfbahnhof 21 tonangebend. Die zweite Geige spielten die Aktiven Parkschützer. Durch den schlagartigen Rückzug des Aktionsbündnisses übernahmen die Aktiven Parkschützer einen Großteil der Aufgaben. Bei gleichzeitig schwindenden Kapazitäten und Kräften ist es logisch, dass die Qualität insgesamt schwinden muss.

Doch nicht nur der Ton, der innerhalb der Bewegung nicht mehr klar angegeben wird / werden kann, macht Sorgen. Auch die schwindenden Teilnehmendenzahlen auf den Demos – und die damit einhergehende finanziell schwierige Situation üben insbesondere auf den inneren Kern einen massiven Druck aus. Gleichzeitig scheint bisher niemand ein schlüssiges Konzept zu haben, wie man aus dem Teufelskreis aus schwindender Unterstützung und schwindender Zuversicht wieder ausbrechen kann.

Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, in Sachen Stuttgart 21 einen Gang herunterzuschalten. Das bedeutet, nicht aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen und vor einem Aufschrei sauber zu prüfen, ob es diesen Aufschrei auch wert ist. Skandal zu rufen, wenn kleinere technische Schwierigkeiten oder eine weitere Verzögerung auftritt, ist in dieser Situation nicht hilfreich, da es das Publikum weiter abstumpfen lässt.

Die dadurch frei werdende Zeit sollte dringend dazu genutzt werden, über das Ziel (Geht es darum, Stuttgart 21 zu stoppen, darum, es zu verzögern oder darum, immer wieder aufzuzeigen, dass es nicht funktioniert? Geht es um Stuttgart oder um Stuttgart 21?), die Entscheidenden (Wer entscheidet über das Ziel? Welche PolitikerInnen sitzen an den Schalthebeln? Wer ist in welcher Weise beeinflussbar?) und die Druckmittel (Wer kann wie Druck auf die Entscheidenden ausüben? Wie können diese Menschen dazu motiviert werden, Druck auszuüben?) nachzudenken. Meiner Analyse nach, ist ein Stopp des Projekts momentan von der Straße aus nicht erreichbar, weshalb ich für eine Öffnung der Themen plädiere. Aber natürlich ist es auch möglich, zu einem anderen Ergebnis zu kommen – oder zu mehreren. Denn beim gegenwärtigen Stand des Projektes ist es eher unwahrscheinlich, dass es gelingt, zu einer gemeinsamen Bewertung oder gar zu einer gemeinsamen Schlussfolgerung zu kommen.

Wichtig ist, dieses Ziel und den Weg dorthin möglichst gemeinsam zu entwickeln oder zumindest Zwischenergebnisse zu vermitteln – und zwar nicht nur „elitären“ Zirkeln. Nur so kann dem immer stärker werdenden Misstrauen in der Bewegung Einhalt geboten werden. Ich weiß, dass dieser Weg viel Kraft kostet und zum Teil aufgrund des schon vorhandenen Misstrauens sehr schmerzlich ist. Trotzdem: Eine weitere Abschottung einzelner Gruppen wird die Bewegung nur noch weiter spalten.

Es gibt momentan genügend Menschen, die nicht mehr die Kraft haben, dutzende Stunden pro Woche in die Bewegung zu investieren oder die andere Prioritäten setzen (müssen). Nehmt auf sie Rücksicht. Sie verraten damit nicht die Bewegung. Es kann gut sein, dass diese Menschen, wenn sie wieder Kraft getankt haben oder wieder ein greifbares Ziel sehen, wieder dazustoßen. Das macht sie dann umso wertvoller.

Manches Mal wird es nicht mehr möglich sein, in Gruppen zu diskutieren, da die Anfeindungen dort zu massiv sind. Versucht es dann mit Einzelgesprächen. Und denkt dran, dass nicht jedes Problem auf der Sachebene zu verorten ist. Viele Konflikte schmoren schon seit Monaten und haben nur eine weniger stressige Phase abgewartet, um an die Oberfläche zu drängen.

Liebe Widerständige, redet mit den Personen, mit denen Ihr ein Problem habt und nicht über sie! Und einigt Euch endlich auf Ziele und mögliche Wege!